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Rückwärts gehen, Schuhe binden: Warum viele Erstklässler mit diesen Aufgaben überfordert sind

Immer mehr Kinder zeigen bei ihrer Einschulung erhebliche motorische Defizite. Rückwärts gehen, Schuhe binden oder schreiben – viele Kinder bringen die notwendigen motorischen Fähigkeiten für diese vermeintlich einfachen Tätigkeiten nicht zwingend mit. Die Bildungsforscherin Stephanie Müller fordert deshalb ein Jahr zwischen Kita und Schule, um die Kinder motorisch fit für die Schule zu machen.

Smartphone statt Wald

Früher haben sich Kinder mehr bewegt. Sie tobten in der Natur, kletterten auf Bäume und spielten Fußball auf der Straße und auf dem Bolzplatz. Die Klage der Bildungsforscher klingt ein wenig wie die romantische Sehnsucht nach der guten, alten Zeit. Doch eines ist längst durch viele Studien tatsächlich belegt. Die Kinder von heute bewegen sich weniger und bilden daher ihre motorischen Fähigkeiten nicht genügend aus, um in der Schule bestehen zu können. Wer schon als Kind stundenlang am Smartphone spielt, bewegt nur noch den Daumen oder Zeigefinger und allenfalls das Handgelenk. Die Entwicklung des restlichen Körpers wird dadurch vernachlässigt. Die Folge sind unmittelbar in den ersten Schulklassen zu beobachten: Die Kinder können nicht mehr auf einem Bein stehen, ohne sich festhalten zu müssen. Sie können nicht mehr rückwärts gehen oder sich die Schuhe zubinden.

Kulturtechnik des Schreibens ist in Gefahr

Besonders gravierend wirken sich die mangelnden Defizite beim Schreiben lernen aus. Denn das Erlernen der Schrift setzt voraus, dass die Kinder Kurven-, Schlangen- und Zickzacklinien zeichnen und malen können. Schließelich ist unsere Schrift aus eben solchen Linien zusammengesetzt. Wenn ein Kind motorisch nicht mehr dazu in der Lage ist, eine kleine Schleife zu malen, wird es erhebliche Schwierigkeiten haben, einen Buchstaben oder gar ein Wort und einen Satz zu schreiben. Einige Pädagogen versuchen, die Kulturtechnik des Schreibens zu retten, indem sie die Druckschrift-ähnliche Grundschrift in den Schulen einführen. Das kommt den motorischen Defiziten der Kinder entgegen. Ob dem Kind aber damit geholfen wird, ist eine andere Frage. Mehrfach wurde nachgewiesen, dass die Schreibschrift beim Denken hilft und das Lernen besser unterstützt als die Druckschrift.

Zusätzliches Jahr zur Entwicklung der Motorik

Die Nürnberger Bildungsforscherin Stephanie Müller wünscht sich ein Jahr zwischen Kita und Schule, in dem vor allem die motorischen Fähigkeiten des Kindes gefördert werden. Schlangenlinien und Schleifen malen, Schuhe binden und im Wald toben. Das wäre ein kindgerechtes Jahr, das die Grundlagen für eine erfolgreiche Schullaufbahn legen könnte, sagt die Forscherin.

Bild: Thinkstockphotos, iStock, 78746597, Fuse

Helena
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